Dialogisches Mentoring
Auch wenn die Positionen zu Mentoring in der Szene demokratischer Bildung sehr unterschiedlich sind - aus unserer Sicht ist Dialogisches Mentoring ein Kernelement demokratischer Bildung.
Im Unterschied zu vielen, in letzter Zeit gehypten Konzepten von Mentoring, die damit die Begleitung von Lernenden (z.B. im Referendariat und in der Eingsangsphase der Lerhkräftebildung) durch erfahrenere Kolleg*innen bezeichnen und dabei die hierarchischen Strukturen meist ausblenden, bezeichnet Dialogisches Mentoring ebenfalls die Begleitung von Lernenden durch erfahrene Menschen, aber so, dass die Lernenden sich ihre Mentor*innen wählen und die Entscheidung darüber behaltenworum es bei den Treffen geht, welche Fragen sie besprechen wollen und wie sie letztlich über schwierige Situationen und Konstellationen entscheiden. Der Clou dabei ist für Mentor*innen, Fragen zur Anregung von Reflexion zu stellen, ohne zu manipulieren und zu etwas zu drängen. So haben sie die Chance, zu bedeutsamen Erwachsenen zu werden, die heranwachsende Menschen auf ihrem Weg gleichwürdig begleiten - das ist höchst inklusiv und birgt die Chance, die Menschenrechte aller Beteiligten zu sichern.
Wie BOBAN, SIMRI & ZHANG (2025) in ihrem Überblicksartikel schreiben, ist für Mentor*innen eine spezifische Grundhaltung wichtig: Sie interessieren sich für den ganzen Menschen, der sie als Gesprächs- und Reflexionspartner*in gewählt hat, nicht nur für Verhaltensweisen und Schulleistungen, sie sind hoch qualifiziert im Zuhören, im Beobachten und im Aufnahmen von Impulsen ihres Gegenübers und sind dabei authentisch neugierig, ohne eigene Anliegen zu verfolgen (SIMRI & HINZ 2021). Es handelt sich nicht um eine Form von Therapie, sondern um ein Gespräch, das Elemente von Coaching enthalten kann (DEICHMANN 2024).
Themen von Mentoring-Gesprächen können all die sein, die den beteiligten Menschen wichtig sind und sie beschäftigen. Ob es um soziale Beziehungen geht, die Hinwendung zu bestimmten Lernbereichen, Vorlieben und Abneigungen, Erwartunngen (z. B. auch in der Familie) oder Träume, die gemeinsam auf ihre Realisierung hin reflektiert werden - all dies kann Gegenstand von Mentoring sein. Es handelt sich also um eine echte Herausforderung für alle Beteiligten, die jedoch zentral im Feld demokratischer Bildung ist, da angesichts der Offenheit der Grundsituation Kinder und Jugendliche leicht aus dem Blick geraten könnten. Für uns war in vielen Gesprächen faszinierend zu sehen, wie unglaublich viel Lernbegleiter*innen - eine viel angemessenere Rollenbezeichnung als Lehrer*in - von 'ihren' Kindern wissen und vie intensiv sie mit ihnen im Austausch sind. Dass hierfür eine spezifische Qualifizierung nötig ist, liegt auf der Hand.
Kritiker*innen im Feld demokratischer Bildung sehen Mentoring bereits als illegitimen Eingriff von Erwachsenen in die Autonomie von Kindern, die ohne Beeinflussung und damit Manipulation gar nicht denkbar ist - und damit würde die Selbstbestimmung von Kindern gefährdet. Befürworter*innen halten dem entgegen, dass die Verweigerung einer intensiven Gesprächskultur mit einem "signifikanten Gegenüber" eine Form unterlassener Hilfeleistung und eine Absage an den Dialog insgesamt wäre, denn Menschen entwickeln sich im Austausch mit ihrem Umfeld - und nicht nur aus sich selbst heraus. Dies auszublenden, entspricht einer gesellschaftlichen - und problematischen sowie wenig inklusiven - Tendenz der Überindvidualisierung.
Kontrovers wird auch die Frage diskutiert, ob Dialogisches Mentoring auch außerhalb demokratischer Schulen sinnvoll praktiziert werden kann. Manche argumentieren hier, dass die hierarchischen Machtstrukturen - etwa in staatlichen Schulen - ein derartig intensives Miteinander unmöglich machen würden, denn es wäre nicht miteinander kompatibel, in einer Stunde über eigene Träume und Ängste zu sprechen und in der nächsten von der gleichen erwachsenen Person beurteilt und ggf. benotet zu werden. Andere meinen dagegen, dass auch in solchen undemokratischen Strukturen eine dalogische Begleitung von Kindern und Jugendlichen möglich und notwendig ist. Dafür müssten dann personell die Rollen von Begleitung und Beurteilung personell getrennt werden, etwa indem Schulsozialarbeit oder - wie in einer staatlichen Schule in Island - ein kooperierendes Jugendzentrum ein Angebot für die Begleitung macht (HINZ & Jörgensdóttir Rauterberg 2025).
Wie dies praktisch aussehen kann, ist in mehreren Berichten nachzulesen, nicht nur bei DEICHMANN (2024) und BOBAN, SIMRI & ZHANG (2025), sondern z.B. auch bei BOBAN & HINZ (2019) und SIMRI & HINZ (2021).
Literatur
Boban, Ines & Hinz, Andreas (2019): Mentoring in Demokratischen Schulen – Lernbegleitung ohne Hierarchie. In: Bartusch, Steffen, Klektau, Claudia, Puhr, Kirsten, Simon, Toni, Teumer, Stephanie & Weidermann, Anne (Hrsg.): Lernprozesse begleiten. Anforderungen an pädagogische Institutionen und ihre Akteur*innen. Wiesbaden: Springer, 89-104
BOBAN, Ines, SIMRI, Dror & ZHANG, LInjie (2025): Inclusive Education and the Challenge of Mentoring through Dialogue – Reaching out to one another. In: All Means All: A collective vision for inclusive teacher education. Open Textbook. URL: book.all-means-all.education/ama-2025-en/chapter/mentoring/
DEICHMANN, Sebastian (2024): Grenzenlos Lernen. Ein neues Verständnis von Bildung - Erfahrungen der demokratischen Schule Infinita. Norderstedt: Book on demand
HINZ, Andreas & Jörgensdóttir Rauterberg, Ruth (2025): Stärkung von Demokratie und Inklusion durch Partizipation von Kindern – partizipative Aktionsforschung in Island. In: Bešić, Edvina, Ender, Daniela & Gasteiger-Klicpera, Barbara (Hrsg.): Inklusion. Resilienz. Lernende Systeme. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 324-332
SIMRI, Dror & HINZ, Andreas (2021): Mentoring durch Dialog – Begleitung und Beratung von Schüler*innen in Demokratischen Schulen in Israel. Schule inklusiv 12, 39-41

