Kritik an 'Beschulung'

Demokratische Bildung basiert auf einer fundamentalen Kritik an dem, was als traditionelle Bildung oder - schärfer gefasst -  als 'Beschulung' bezeichnet wird. Dabei kritisiert sie vor allem zwei Aspekte, die sie als strukturelle Gewalt (RAM 2009) diagnostiziert. HECHT (2017) stellt dies in einer zusammenfassenden Abbildung dar.

Zum einen differenziert traditionelle Bildung - im oberen Teil der Abbildung - das sich ständig vergrößernde und verändernde Weltwissen in zwei Kategorien: Ein Teil von ihm wird als wichtiges Wissen qualifiziert, das in das für alle Lernenden verpflichtende Curricula aufgenommen wird. Der andere - und wesentlich größere - Teil des Weltwissens wird damit implizit für unwichtig erklärt, marginalisiert und ignoriert - dazui gehören in der Regel u.a. indigene Wissensbestände. Dies hat zur Folge, dass eine Vielzahl von Stärken und Interessensgebieten von Lernenden ignoriert und sie in den Würfel des wichtigen Wissens hineingezwungen werden, in dem eine ziemliche Enge und Inflexibilität besteht, weil wie gesagt alle das obligatorische Curriculum durchlaufen müssen. Diesen einen Aspekt struktureller Gewalt zu beenden tritt demokratische Bildung an, so dass das gesamte Weltwissen und die individuellen Stärken und Interessen von Lernenden in ihrer Vielfalt zur Geltung kommen können.

Zum anderen wird zusätzlich zum Hineinzwingen im curricularen Würfel mit einer strukturelle Pyramide gearbeitet - im unteren Teil der Abbildung -, in der unterschiedliche Schüler*innen hergestellt werden: einige 'exzellente', deutlich mehr 'durchschnittliche' und noch viel mehr 'schwache' Schüler*innen. Dieser Prozess der gleichen Anforderungen an individuell ungleiche Personen ist mit massiver Stigmatisierung, deutlichem Othering und wiederum der Ausübung struktureller Gewalt verbunden. Diesem pyramidalen Denken und Handeln tritt demokratische Bildung entgegen mit der Idee eines flexiblen Systems individuellen und gemeinsam kooperativen Lernens auf gleicher Ebene mit vielfältigen Anregungen, ohne Hierarchisierung.

Diese radikale Kritik an traditioneller Bildung oder eher 'Beschulung' ist nicht neu, sie schließt an die Schulkritik der 1970er und 1980er Jahre an, z.B. von Paulo FREIRE (1974) und Ivan ILLICH (1983), mit der sie die 'Fabrikbeschulung' als homogenisierende Zuführung der nachfolgenden Generation in kapitalistische Produktionsverhältnisse anprangerten (BOBAN & HINZ 2026). Mit Riane EISLER (2005) liegt es allerdings nahe, dass die sich sozialistisch nennenden Produktionsverhältnisse denselben dominatorischen Charakter des Hegemonialen hatten. FREIRE und ILLICH stellten dem 'heimlichen Lehrplan' (ILLICH 1983, 115) der 'Fabrikbeschulung' demokratische Lernorte ohne diese einengenden instiutionellen Bedingungen gegenüber.

Literatur

BOBAN, Ines & HINZ, Andreas (2026): Demokratisch-inklusive Bildung – Überwindung des (un)heimlichen Lehrplans durch veränderte Lernprozesse, ihre Begleitung sowie gemeinsame Entwicklungsarbeit?! In: GRAS, Juliana, HINZ, Andreas & KRUSCHEL, Robert (Hrsg.): Inklusion und Demokratie in Bildung und Gesellschaft – Grundlagen, Analysen und Praxisperspektiven (i.E.)

EISLER, Riane (2005): Die Kinder von morgen. Doe Grundlagen partnerschaftlicher Bildung. Freiamt: Arbor

Freire, Paulo (1974): Erziehung als Praxis der Freiheit. Beispiele zur Pädagogik der Unterdrückten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt

Hecht, Yaacov (2017): Democratic Education: The Missing Piece of the Democratic Puzzle. Powerpoint von der IDEC 2017 in Israel. Hadera (Israel): Selbstverlag

Illich, Ivan (1983): Fortschrittsmythen. Schöpferische Arbeitslosigkeit, Energie und Gerechtigkeit, Wider die Verschulung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt

RAM, Eyal (2009): Democratic Education – The Israeli Experience. Unveröff. Powerpoint von einer Gastvorlesung. Halle: Martin-Luther-Universität